ABSCHIED VON EINER PHILOSOPHIN

Ioanna Kuçuradi und die Verantwortung, den Menschen zu sehen

Den Wert mancher Menschen erkennen wir erst, wenn wir sie verloren haben. Dann lesen wir ihre Worte noch einmal und hören genauer hin als zu ihren Lebzeiten. Auf Ioanna Kuçuradi trifft das nicht ganz zu. Sie war eine Philosophin, deren Arbeit weit über die Türkei hinaus Anerkennung fand und die Generationen von Studierenden prägte. Ihr Wirken wurde gewürdigt. Doch wie viel wir von ihren Gedanken verstanden haben und wie viel davon unser Handeln bestimmt, bleibt eine offene Frage.

Eine Denkerin zu bewundern ist leichter, als die Verantwortung zu übernehmen, die aus ihrem Denken folgt. Wir können ihren Einsatz für die Menschenwürde würdigen. Schwieriger wird es, wenn wir selbst Macht oder Entscheidungsbefugnisse haben und die Würde unseres Gegenübers achten müssen. Wenn wir nun von ihr Abschied nehmen, sollten wir deshalb auch fragen, welchen Ausdruck unsere Wertschätzung im Alltag findet.

Eine Begebenheit, die Kuçuradi selbst erzählte, macht diese Frage greifbar.

In Diyarbakır, einer Stadt im Südosten der Türkei, gab sie einen Kurs über Menschenrechte für leitende Beamte der Bezirksverwaltung. Eine Kamera wurde in den Unterrichtsraum gebracht, um die Veranstaltung aufzuzeichnen. Kuçuradi bestand darauf, dass sie entfernt wurde. Die Teilnehmer sollten offen sprechen, Fragen stellen und Zweifel äußern können, ohne sich beobachtet zu fühlen. Vielleicht hatte der Unterricht in diesem Moment schon begonnen, noch bevor der erste Satz gefallen war: Es genügt nicht, Menschen das Wort zu erteilen. Man muss auch die Bedingungen schaffen, unter denen sie frei sprechen können.

Für mich zeigt sich in dieser unscheinbaren Handlung, wie eng ihr Denken mit dem Leben verbunden war. Was unsere Überzeugungen tatsächlich bedeuten, wird in Begegnungen sichtbar: darin, wie wir zuhören, wie wir das Schweigen eines anderen deuten und wie wir unsere Befugnisse nutzen.

Auch das Nachdenken über Menschenrechte führt uns zu solchen Situationen. Ohne Angst sprechen zu können. Nicht erniedrigt zu werden. Nicht der Willkür eines Mächtigeren ausgeliefert zu sein. Die Bedeutung der Grundsätze, die wir vertreten, zeigt sich daran, was sie im Leben eines Menschen bewirken.

Kuçuradi verstand Menschenrechte als Prinzipien zum Schutz menschlicher Werte und betonte die Bedeutung von Bildung für ihr Verständnis und ihre Wahrung. Daraus ergeben sich Fragen, die uns bis heute angehen: Reicht es, ein Recht benennen zu können, um es auch zu schützen? Wessen Freiheit haben wir im Blick, wenn wir von Freiheit sprechen? Wen beziehen wir ein, wenn wir Gleichheit fordern? Und wessen Leben übersehen wir, wenn wir Gerechtigkeit verlangen?

Solche Fragen stören die Bequemlichkeit fertiger Urteile. Eine Handlung wird nicht allein dadurch richtig, dass sie allgemeine Zustimmung findet. Ein Mensch kann viel wissen und außerordentlich fähig sein – und beides dazu einsetzen, anderen zu schaden. Wissen und Können machen eine Handlung noch nicht richtig. Ihre ethische Bedeutung hängt auch davon ab, wozu und wie sie eingesetzt werden.

In einer Zeit, in der Geschwindigkeit, Erfolg und Macht ständig als erstrebenswert gelten, wird diese Unterscheidung besonders wichtig. Allzu leicht verwechseln wir die Möglichkeit, etwas zu tun, mit dem Recht, es zu tun. Ausgehend von Kuçuradis Denken lässt sich deshalb eine einfache, aber unbequeme Frage stellen:

Ist etwas schon deshalb richtig, weil wir es tun können?

Die Kamera im Unterrichtsraum bietet dafür ein konkretes Beispiel. Eine Aufnahme ist technisch möglich. Doch damit die Menschen in diesem Raum unbefangen sprechen können, muss die Kamera womöglich ausgeschaltet und entfernt werden.

Eine Institution kann befugt sein, eine Entscheidung zu treffen. Die Art, wie sie diese Befugnis ausübt, kann dennoch die Würde eines Menschen verletzen. Eine Entscheidung kann rechtmäßig sein und zugleich dem Menschen, den sie betrifft, nicht ausreichend gerecht werden.

Deshalb müssen wir ebenso aufmerksam auf die Folgen unseres Handelns schauen wie auf die Handlung selbst:

Wen schützen wir? Wen machen wir unsichtbar? Wessen Stimme halten wir für hörenswert?

Unsere Absicht allein genügt nicht, um eine Handlung zu beurteilen. Wir müssen auch berücksichtigen, welche Möglichkeiten sie einem Menschen eröffnet oder verschließt.

Diese Verantwortung betrifft ebenso die Bildung. Kinder sollen richtige Antworten lernen. Sie müssen aber auch Gelegenheit bekommen, selbst genau hinzusehen, Unterschiede zu erkennen und zu verstehen, was ihre Entscheidungen für andere bedeuten.

Ein Verhalten zu übernehmen, weil alle es so machen, ist etwas anderes, als sich nach sorgfältiger Überlegung dafür zu entscheiden.

In einer Gruppe wird ein Mensch leicht auf seine Zugehörigkeit reduziert. Er erscheint als Vertreter einer Herkunft, als Zahl in einer Statistik oder als Name in einer Akte. Doch jeder Mensch lebt mit eigenen Ängsten, Hoffnungen, Verletzungen und Möglichkeiten. Wenn wir jemanden als „fremd“, „verdächtig“, „gescheitert“ oder als „Opfer“ bezeichnen: Können wir ihn auch jenseits dieser Zuschreibungen wahrnehmen? Wie ernsthaft versuchen wir, seine Lebensumstände und Erfahrungen zu verstehen?

Auch diese Fragen können wir uns stellen, wenn wir Kuçuradis Arbeiten lesen.

Ihr Leben war zugleich der Versuch, philosophisches Denken in Bildung und öffentliche Verantwortung zu übersetzen. An der Hacettepe-Universität in Ankara gründete sie den Fachbereich Philosophie und ein Forschungs- und Anwendungszentrum für Menschenrechte. Sie trug wesentlich dazu bei, weiterführende Studien und Forschung auf diesem Gebiet zu ermöglichen. Damit schuf sie Orte, an denen auch künftig Menschen lernen, Fragen stellen und gemeinsam weiterdenken können.

Ihr Engagement für die Abschaffung der Todesstrafe gehörte ebenfalls dazu. Als Mitglied der Internationalen Kommission gegen die Todesstrafe übernahm sie Verantwortung über den akademischen Bereich hinaus. In einer Frage, die unmittelbar menschliches Leben betrifft, verband sie ihr Denken mit praktischem Einsatz.

Ihr Vermächtnis lässt uns deshalb auch über den Abstand zwischen unserem Bekenntnis zu den Menschenrechten und unserem eigenen Verhalten nachdenken.

Wie aufmerksam hören wir anderen zu, während wir ihre Rechte verteidigen? Wen bringen wir zum Schweigen, obwohl wir für Gleichheit eintreten? Wie oft lösen wir einen Menschen aus seiner Geschichte heraus und reduzieren ihn auf eine einzige Eigenschaft?

Diese Fragen offenzuhalten ist eine Weise, ihrem Denken verbunden zu bleiben.

Das Vermächtnis einer Philosophin kann im Blick einer Lehrerin auf ein Kind weiterleben. Im Innehalten eines Vorgesetzten, bevor er eine Entscheidung trifft. Oder in der Haltung eines Menschen, der sich dem Urteil der Mehrheit nicht vorschnell anschließt, sondern versucht, sein Gegenüber zu verstehen.

Kuçuradis zu gedenken heißt deshalb auch, das eigene Handeln zu prüfen. Einen Moment innezuhalten, bevor wir jemanden in eine vertraute Schublade stecken. Zu bedenken, wie eine Entscheidung das Leben eines Menschen beeinflusst, dessen Stimme wir nicht hören. Und zu erkennen, dass Verantwortung manchmal auch darin besteht, eine vorhandene Macht nicht auszuüben.

Einen Menschen zu sehen bedeutet, auch seine Angst, sein Schweigen und seinen Rückzug wahrzunehmen. Wer jemanden zum Sprechen ermutigen möchte, muss möglicherweise zunächst den Druck nehmen, der ihn verstummen lässt. Wer helfen will, muss auch den Raum für eigene Entscheidungen achten.

Während wir nun von Ioanna Kuçuradi Abschied nehmen, denke ich darüber nach, wo ihre Arbeit in unserem Leben weiterwirken kann. Vielleicht dort, wo wir genauer zuhören. Wo wir ein vorschnelles Urteil noch einmal überdenken. Wo wir vor einer Entscheidung den Menschen berücksichtigen, der ihre Folgen tragen wird.

Vielleicht ist das die aufrichtigste Weise, sie in Erinnerung zu behalten und ihre Gedanken lebendig werden zu lassen.

In Achtung und Dankbarkeit nehmen wir Abschied von Prof. Dr. Ioanna Kuçuradi – einer Philosophin, die ihr Leben dem Verstehen des Menschen und der Verantwortung für seine Freiheit und Würde widmete.

 

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